Selektion im Spielfilm

DIE SELEKTION VON ENTEBBE IM SPIELFILM

Die Darstellung der Täter in den Spielfilmen

 

In Raid on Entebbe und Mivtsa Yonatan geht nahezu jede Handlung von den deutschen Entführer*innen aus. Die Palästinenser wirken wie Handlanger. Victory at Entebbe stellt Einzelschicksale der Opfer dar. Auch die Entführer*innen werden zu Opfern stilisiert: Wilfried Böse ein staatenloser Revoluzzer? Ein Verzweiflungstäter? Ein verirrter Idealist mit verirrten Zielen? Über sich selbst sagt er: »I am a dead man.« Es sei nicht das Ziel, Jüd*innen zu bekämpfen, sondern das zionistische und imperialistische Israel (Mivtsa Yonatan), das faschistische Israel (Raid on Entebbe). Zwar lehnen die Flugzeugentführer*innen in den Filmen den Antisemitismusvorwurf ab, doch setzten die Filmemacher die Aufteilung der Gefangenen allesamt als antisemitische Selektion in Szene.

 

Wie wird die Aufteilung der Gefangenen in den Filmen dargestellt?

 

In Raid on Entebbe brüllt Brigitte Kuhlmann fast schon klischeehafte jüdische Namen durch ein Megaphon. Die Aufgerufenen werden in einen Nebenraum gedrängt. Es gibt widersprüchliche Aussagen von den Geiseln im Film des Regisseurs Irvin Kershner, ob nur Jüd*innen oder nur Israelis aufgerufen werden. Jedoch merkt eine Geisel an, alles sei wie früher in Auschwitz, er habe das schon einmal erlebt.

 

Die Produzenten von Victory at Entebbe wählten eine andere Darstellung: Die Pässe werden im Flugzeug eingesammelt, es wird nach Namen voneinander getrennt. Als zwei Geiseln auf ihre belgischen Papiere beharren, wird ihnen von einer lachenden Kuhlmann vorgehalten, aufgrund ihres Namens müssten sie Jüd*innen sein. Daraufhin werden sie zu den übrigen, aus der Perspektive des Films jüdischen, Geiseln geschickt. Zum Ende der Gefangenenaufteilung spricht Brigitte Kuhlmann eindeutige Worte:

»Now that the selection is complete – is it? Are all the jews here, are there others?«

 

In Mivtsa Yonatan studieren alle Entführer*innen gemeinsam die Pässe der Geiseln und urteilen nach Absprache und nach unbekannten Faktoren. Niemand erlangt Auskunft. Es baut sich ein Gefühl der Bedrohung auf. Und auch dieses Narrativ kann sich nicht von der Auschwitzanspielung freisprechen. Während der Aufteilung der Gefangenen hört und sieht man verschiedene Geiseln miteinander sprechen. Widersprüchliche Aussagen über die Gründe der Separierung der Geiseln werden getroffen – handelt es sich um Jüd*innen oder Israelis? Das Publikum erfährt es nicht.

 

Reaktionen in den Medien

 

Über Victory at Entebbe schreibt die Badische Zeitung: »Unternehmen Hollywood ist freilich blamabel«. Die vorhersehbare Filmstruktur und Überdramatisierung schwanke zwischen pathetisch und lächerlich. Doch gibt es andere Stimmen wie die der Neuen Rheinischen Zeitung, für die im Film mit dem deutschsprachigen Titel Unternehmen Entebbe zumindest klar werde, »was es für den Betroffenen bedeutet, ausgeliefert, in den Händen von Besessenen zu sein.«

 

Die Frankfurter Rundschau sieht wiederum vor allem das eigene Verständnis der Aufteilung der Gefangenen als antisemitische Selektion in den Filmen bestätigt: »Die Rampe von Auschwitz, sie wird in Entebbe von Deutschen neu errichtet.«

 

TEXT: Martin Piekar

 

Direkt nach den Geschehnissen von Entebbe wurden drei Spielfilme über die Flugzeugentführung und Befreiungsaktion gedreht: Raid on Entebbe, Victory at Entebbe (Unternehmen Entebbe) und Mivtsa Yonatan (Operation Thunderbolt) – zwei starbesetzte Hollywood- und eine israelische Produktion. Sie erschienen 1976 und 1977.

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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