Selektionsbegriff

DER SELEKTIONSBEGRIFF

Von der »natürlichen Auslese« zum »Sozialdarwinismus«

 

Der Begriff Selektion bezeichnet aus naturwissenschaftlicher Perspektive grundlegend den »natürlichen Ausleseprozess« nach dem Prinzip der »Überlebenstüchtigkeit«. Die »fitteren« bzw. anpassungsfähigeren Individuen vermehren sich, dieser von Charles Darwin begründeten Theorie nach, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit gegenüber den nicht in gleichem Maße anpassungsfähigen.

 

Schon bald nach der Veröffentlichung dieses biologischen Selektionsbegriffes folgte dessen Übertragung auf den Menschen und Gesellschaften unter dem theoretischen Dach des »Sozialdarwinismus«. Aus der »natürlichen Auslese« wurde unter fragwürdigen ideologischen Vorzeichen ein Kampf der Gesellschaften, Nationen oder »Rassen« ums Überleben, da diese diesem Verständnis nach ebenfalls dem Prozess der Selektion unterliegen. Insbesondere in nationalsozialistischen Ideologien fanden diese sozialdarwinistischen Ideen rasende Verbreitung und staatstragende Bedeutung und dienten den Nationalsozialisten als Legitimation für den Völkermord an den europäischen Juden und den Beginn des Zweiten Weltkrieges.

 

Die Selekzia und die Selektionen in Ausschwitz

 

In diesem Zusammenhang etablierte sich der Begriff der Selektion in seiner polnischen Variante der Selekzia auch für die Aussonderung der jüdischen Bevölkerung und deren Überführung in die Vernichtungslager. Jeder Israeli weiß um diesen Begriff, der mittlerweile zum Teil der hebräischen Sprache geworden ist, und seine Bedeutung in der Shoah. Auch in Deutschland wurde und wird die Trennung der Häftlinge an den Rampen der Vernichtungslager in »arbeitsfähige« und umgehend zu tötende Insassen oftmals als Selektion bezeichnet. Die zumeist deutschen Mitglieder der SS entschieden in Bruchteilen von Sekunden über die sofortige Vergasung oder den qualvollen Tod im Arbeitslager. Diese Selektionen wurden zum Symbol für den menschenverachtenden Antisemitismus des Nationalsozialismus.

 

Die Selektion von Entebbe

 

Teile der Geiseln und der Öffentlichkeit in Deutschland und Israel fühlten sich mit der Trennung der Geiseln durch Winfried Böse und Brigitte Kuhlmann in Entebbe an diese Auswahlprozesse an den Rampen der Vernichtungslager erinnert und bezeichneten die Aufteilung der Gefangenen von Anfang an als Selektion. Aus dieser Perspektive brachte und bringt die Übertragung des Selektionsbegriffs auf die Geiseltrennung deren antisemitische Motivation auf den Punkt und kommt damit einer Deutung der Ereignisse gleich. Die Verwendung des Begriffs der Selektion im Zusammenhang mit der Aufteilung der Gefangenen in Entebbe unterstreicht, dass sie aus dieser Position als antisemtisch intendiert wahrgenommen wird.

 

TEXT: Torben Giese

 

In den letzten 40 Jahren der Diskussionen rund um die Ereignisse von Entebbe etablierte sich der Begriff der Selektion als Bezeichnung für die Aufteilung der Gefangenen während der Entführung. Damit setzte sich die Interpretation der Geiseltrennung als antisemitische und an die Rampe des Vernichtungslagers Auschwitz erinnernde Selektion durch.

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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