Entebbe aus jüdische Perspektive

ENTEBBE AUS JÜDISCHER PERSPEKTIVE

Berichterstattung

 

So berichtete die Jüdische Allgemeine Wochenzeitung, das bedeutendste und auflagenstärkste jüdische Medium in der Bundesrepublik Deutschland, direkt nach der Befreiung der Geiseln über das »Fanal« von Entebbe. Über die folgenden Wochen nahm das Ereignis in den jüdischen Medien der BRD immer wieder einen wichtigen Platz ein. Als Zeichen eines »Nie wieder!« im Angesicht eines klar als antisemitisch wahrgenommenen Ereignisses, vor allem aber als Ausdruck der Wehrhaftigkeit Israels, wurde es zum neuen Maßstab im internationalen Kampf gegen den Terrorismus erklärt. Das entschlossene Handeln der israelischen Regierung zeige eine vorbildhafte Einstellung, die es von allen anderen Nationen nachzuahmen gelte.

 

Im Mittelpunkt der Berichterstattung standen die Reaktionen der ganzen Welt auf die Befreiung der Geiseln. Nicht die Opfer der Entführung kamen in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung vom 9. Juli 1976 zu Wort, sondern insbesondere israelische und deutsche Politiker*innen, die das Eingreifen des israelischen Staates zu einer »Frage des Koordinatensystems moralischer Kategorien und Wertvorstellungen der in dieser Welt Verantwortung Tragenden« machten. Im Mittelpunkt stand – ganz im Sinne der israelischen Interpretation des Ereignisses – die Verteidigung des israelischen Staates gegen die Vorwürfe, völkerrechtswidrig die Souveränität eines Staates angegriffen zu haben. In der Diskussion schien sich aus dieser Perspektive heraus eine moralische Bankrotterklärung der Vereinten Nationen zu zeigen.

 

Bedeutung im Alltag

 

Entebbe nahm jedoch nicht nur bei der Legitimation des Staates Israel eine entscheidende Rolle ein, sondern auch im täglichen Leben einiger der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Jüd*innen. In den großen jüdischen Gemeinden von Frankfurt, Düsseldorf und München fanden Dankgottesdienste für die erfolgreiche Befreiung der Geiseln statt, die auch in den Gemeindezeitungen als besondere Ereignisse beschrieben wurden. Die Israelitische Kultusgemeinde München und der Verein Vereinigte Israel Aktion organisierten sogar eine Kundgebung unter dem Motto »Salut für Israel«, an der »viele hunderte Bürger« ihre Verbundenheit mit Israel zeigten.

 

Dr. Hans Lamm, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde München, verkündete hierzu in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung vom 16. Juli 1976: »Der kleine David demonstrierte der ganzen Welt, daß die einzige Antwort auf Terrorismus nicht in leeren Worten und Protesten besteht, sondern in Taten.«

 

Auch auf eigenen Veranstaltungen des Keren Hayessod, der Vereinigten Israel Aktion, wurde unter dem Motto »Mobilmachung für Israel« auf die besondere Schicksalsgemeinschaft verwiesen, die unter den Jüd*innen der Welt in einer Situation wie dieser weiterhin bestehe.

 

Entebbe und seine Bedeutung für linksorientierte Jüd*innen

 

Eine besondere Bedeutung hatten die Ereignisse auch für einige politisch links orientierte Jüd*innen der BRD, wie beispielsweise den späteren Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Publizisten Micha Brumlik. Hier stellte sich immer stärker die Frage, inwieweit ein linkes politisches Engagement mit den offen antizionistischen und oft als antisemitisch wahrgenommenen Einstellungen der politischen Linken vereinbar sein konnte. Die Ereignisse von Entebbe stellten einen Höhepunkt in einer seit dem Ende der 1960er Jahre beginnenden Welle der linken Gewalt gegen jüdische Orte und Veranstaltungen auch in der BRD dar.

 

TEXT: Julia Wirth

 

»Dreißig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben sich Israelis, haben sich Juden dagegen zur Wehr gesetzt, ihr Leben lassen zu sollen, nur weil sie Juden sind. Dreißig Jahre nach dem größten Genozid der Geschichte mußten Juden es aber auch von neuem erleben, ›selektiert‹ zu werden, als die Terroristen die übrigen Geiseln, mit Ausnahme der Besatzung, die aus eigenem Entschluß blieb, freiließen. Und wieder waren es Deutsche, die sich anmaßten, Juden ›auszusondern‹.«

Jüdische Allgemeine Wochenzeitung vom 9. Juli 1976

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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