Fischers und Cohn-Bendits Erinnerungen zu Entebbe

JOSCHKA FISCHERS UND DANIEL COHN-BENDITS ERINNERUNGEN ZU ENTEBBE

Cohn-Bendits und Fischers Weg in die Frankfurter Sponti-Szene

 

Der Publizist und Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit studierte Ende der 1960er Jahre Soziologie in Nanterre und entwickelte sich dort schnell zu einem der bedeutendsten Wortführer der französischen Student*innenbewegung. Im Jahr 1968 wurde er zweimal wegen »Gefährdung der öffentlichen Ordnung« aus Frankreich ausgewiesen. Cohn-Bendit verschlug es daraufhin nach Frankfurt. Dort stieg er zu einer der prägendsten Persönlichkeiten in der antiautoritären Frankfurter Sponti-Szene auf.

 

Joschka Fischer kam 1968 im Alter von 20 Jahren nach Frankfurt. Ohne an der Goethe-Universität eingeschrieben zu sein, besuchte er Vorlesungen, unter anderem von Adorno und Habermas. Schnell fand Fischer Kontakt zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Nach den Auflösungserscheinungen des SDS fasste er Fuß in der polarisierenden Sponti-Bewegung. Fischer entsagte aber nicht, wie sein Freund Cohn-Bendit, der Gewalt, sondern begab sich in den militanten Flügel der Bewegung.

 

Entebbe als Anstoß, die politische Militanz hinter sich zu lassen

 

Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit wandten sich gegen Ende der 1970er Jahre von der zerfallenden, anarchistischen Sponti-Bewegung der Neuen Linken ab. Sie wählten den parlamentarischen Weg, um politische Veränderungen zu bewirken. Vor allem Joschka Fischer lässt durch mehrere Bezugsnahmen auf die Geiseltrennung von Entebbe durchblicken, dass das Ereignis ein entscheidender Anstoß dafür gewesen sein soll, die Militanz in seinem Leben hinter sich zu lassen.

 

»Joschka war unglaublich erschrocken über das was in Entebbe passiert ist. Ich weiß noch, er hat sich dann plötzlich ganz von Aktionen abgewandt und sich mehr und mehr zurückgezogen«, erinnert sich seine damalige Ehefrau Edeltraud Fischer.

Im Jahr 2001, aufgrund seiner eigenen gewaltbereiten Vergangenheit sichtlich unter Druck geraten, sagte Joschka Fischer in einem Spiegel-Interview:

»Für mich war aber die Entebbe-Auseinandersetzung entscheidend […], bei der deutsche Terroristen die Passagiere in Juden und Nicht-Juden ›selektierten‹. Es war einfach nur entsetzlich! Wir erkannten allmählich, dass diejenigen, die mit der Abkehr von der Elterngeneration als Antifaschisten begonnen hatten, bei den Taten und der Sprache des Nationalsozialismus gelandet waren«.

 

Bereits 1982 hatte Joschka Fischer in dem von Daniel Cohn-Bendit publizierten Frankfurter Stadtmagazin Pflasterstrand mit Bezug auf die Solidarität der Neuen Linken zu einigen palästinensischen Gruppierungen geschrieben:

»Ihren traurigen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung bei der Flugzeugentführung von Entebbe, wo sich zwei Deutsche, Genossen aus der Frankfurter Szene, die dabei einem taktischen Kalkül der arabischen Planer der Entführung folgten, dazu hergaben, die Passagiere mit vorgehaltener Waffe in Juden und Nicht-Juden zu selektieren!«

 

Für Joschka Fischer steht also fest, dass die Geiselaufteilung von Entebbe eine antisemitische Handlung darstellte. In wie weit diese Position tatsächlich seine Abkehr von der radikalen Linken begründete ist allerdings bis heute umstritten. In einem zu Beginn des Jahres 1983 veröffentlichten Lebenslauf benannte er entscheidende Erlebnisse die ihn zu »einem Grünen machten«. Entebbe war nicht darunter. Für Daniel Cohn-Bendit ist klar, dass eine »Selektion« in Entebbe stattgefunden hat, aber laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung sagte er auch:

»Trotz der Selektion der Juden bei der Flugzeugentführung von Entebbe 1976, kann ich den Generalverdacht des Antisemitismus nicht gelten lassen für alle Gruppen der Neuen Linken«.

 

TEXT: Pierre Görner

 

Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit gehören zu den heute prominentesten Vertretern der Frankfurter linken Szene der 1970er Jahre und fallen heute durch eine besonders deutliche Position zur Aufteilung der Gefangenen in Entebbe auf. Um ihre unmissverständliche Interpretation der Geiseltrennung als antisemitische Selektion nachzuvollziehen, muss man verstehen, welchen Lebensweg sie im Laufe der siebziger Jahre beschritten haben und auch die persönliche Situation im Umfeld der Positionierung berücksichtigen.

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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