Erinnern an Entebbe in Israel

ERINNERN AN ENTEBBE IN ISRAEL

Diese Auffassung vertraten auch die vordersten Repräsentanten des israelischen Staates, allen voran Premierminister Yitzchak Rabin sowie Verteidigungsminister Shimon Peres. Aus deren Perspektive stellte die Entführung die für den jungen Staat Israel so bedeutende Wehrhaftigkeit grundlegend in Frage und die Befreiungsaktion wurde zu einem Akt der Notwehr nach den Leiden in der Shoa erklärt. Nach der zionistischen Weltanschauung hatte der israelische Staat vor allem die Aufgabe, für den Schutz aller Juden unabhängig von ihrer Nationalität Sorge zu tragen und alle Juden vor Antisemitismus wirkungsvoll zu beschützen. Folglich spielte es für den israelischen Staat und infolge auch für die israelische Öffentlichkeit kaum eine Rolle, nach welchen Kriterien die Gefangenen in Entebbe aufgeteilt wurden, da der Staat Israel alle Juden unabhängig von ihrer Nationalität repräsentiere.

 

Von der Operation Donnerschlag zur Operation Yonatan

 

Demnach rückt in der israelischen Erinnerungskultur nicht die Trennung der Geiseln, sondern die erfolgreiche Befreiungsaktion in den Mittelpunkt. Deren Erfolg stelle die Wehrhaftigkeit des Staates Israel eindrucksvoll unter Beweis.

»Nach vielen Jahren jüdischer Hilflosigkeit, nach Generationen von Qual und Pogromen, sind wir als jüdisches Volk aufgestanden, damit kein jüdisches Blut mehr vergossen werde«, brachte der liberale Denker Amnon Rubinstein in der Tageszeitung Haaretz vom 5. Juli 1976 die Existenzgrundlage des israelischen Staats im Schatten der Ereignisse von Entebbe auf den Punkt. Die Befreiungsaktion und deren Erfolg stellten aus dieser Perspektive unübersehbar unter Beweis, dass Israel die Juden in der Welt unabhängig von Ort und Zeit erfolgreich schützen könne. So lag auch der Fokus des gerade einmal acht Tage nach der Befreiung erschienenen Buches Operation Uganda von Uri Dan, damaliger Journalist der israelischen Tageszeitung Maariv, vor allem auf der erfolgreichen Militäroperation.

 

Diese Fokussierung der israelischen Erinnerungskultur auf die Befreiung der Geiseln brachte es ebenfalls mit sich, dass der Tod von Yonatan Netanyahu, dem Leiter der an vorderster Front eingesetzten Einheit, zu einem Heldentod und nationalen Opfer erklärt wurde. Zu Ehren des Gefallenen wurde sogar die gesamte Militäroperation in Operation Yonatan umbenannt und bis heute ist die Erinnerung an Entebbe in Israel eng mit der Person Netanyahus verknüpft. Yonatan Netanyahu wurde dabei zum Idealbild des neuen Juden, der die zionistischen Ideale von Stärke, Wahrhaftigkeit und Naturgebundenheit in sich verkörperte und der im Einsatz für einen wehrhaften, starken israelischen Staat den Tode gefunden hatte.

 

Erinnern an Entebbe heute

 

Im Grunde hat sich diese Kultur der Erinnerung an die Ereignisse von Entebbe in Israel kaum geändert, wie auch die, sich stark auf die Befreiungsaktion konzentrierende und im Juli 2015 eröffnete, Ausstellung Operation Yonatan: freeing the Entebbe hostages im Yitzhak Rabin Center in Tel Aviv, unterstreicht. Doch wurden in den letzten Jahren immer wieder Stimmen laut, die eine Neubewertung der Ereignisse einforderten. So stellte vor allem Ilan Hartuv als Zeitzeuge die Deutung der Geiseltrennung als antisemitische Selektion immer wieder öffentlich in Frage. Und im Jahr 2012 lenkte der Regisseur Eyal Boers in seiner Dokumentation Live or die in Entebbe erstmals den Blick auf die getöteten Geiseln und kritisierte deren Vergessen in der israelischen Öffentlichkeit.

 

TEXT: Kevin Müller

 

»Gestern kam der Deutsche unter den Entführern in die Wartehalle des alten Terminals des Entebbe-Flughafens und las eine Liste von 83 israelischen Namen in einer Art und Weise vor, die in jeder Hinsicht an die Nazi-Konzentrationslager erinnerte.«

Israelische Tageszeitung Yedioth Ahronot am 1. Juli 1976

 

Von Anfang an verstanden die israelischen Medien die Geiseltrennung, ganz wie die eben zitierte Yedioth Ahronot, als antisemitische Selektion.

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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