Antisemitismus- und Antizionismus-Diskurs in der deutschen Linken nach 1989

DER ANTISEMITISMUS- UND ANTIZIONISMUS-DISKURS IN DER DEUTSCHEN LINKEN AB 1989

Die »Nie wieder Deutschland«-Kampagne (Herbst 1989) legte den Schwerpunkt auf die Opfer Deutschlands. Gleichzeitig begann die kritische Aufarbeitung antizionistischer und antisemitischer Haltungen innerhalb des antinationalen Flügels der deutschen Linken.

 

Ein ähnlicher Prozess setzte aufgrund der Berichterstattung linker Printmedien über den Libanonkrieg 1982 bereits Anfang der 1980er Jahre ein. Er hatte jedoch noch nicht die Sprengkraft, die er ein Jahrzehnt später haben sollte.

 

»Nie wieder Auschwitz!«

 

Das Erstarken rechtsradikaler Parteien und Strukturen Anfang der 1990er Jahre, der Anstieg rassistischer Übergriffe, sowie die wieder aufkeimende Antisemitismusdebatte sorgten für eine Beschäftigung mit der eigenen Geschichte in der linken Szene. Die Parole »Nie wieder Auschwitz!« wurde wieder zu einer essentiellen Thematik für bestimmte Gruppen der Szene.

Aus diesen Kreisen entstand spätestens mit dem zweiten Golfkrieg (1990 bis 1991) eine Gruppe, die sich stark vom Rest der antiimperialistischen und traditionssozialistischen Linken unterschied. Sie sprach sich explizit für die militärische Intervention der USA gegen den Irak aus, da sie Israel als Heimstätte der Shoah-Überlebenden in Gefahr sah. Das Gros der Linken hingegen unterstützte die Friedensbewegung und verneinte einen solchen Militäreinsatz.

 

Die Antideutschen

 

Als Reaktion auf diese vorangegangenen Konflikte und Spiegelbild der anti-israelischen Haltung der Linken bildete sich aus deren antinationalen Sektor eine Gruppierung, die heute als »Antideutsche« bekannt ist. Israel und der Nahostkonflikt wurden in der Szene zu einem Hauptstreitpunkt. Besonders die pro-israelische Einstellung der Antideutschen, gepaart mit ihrem Befürworten von Militärschlägen der USA gegen die arabischen Nationen der Golfregion, führte zu einem weiteren Zerwürfnis in Teilen der Linken.

 

Der Bruch verstärkte sich im Zuge der kommenden Jahre und riss mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 endgültig einen Graben zwischen traditionellen Antiimperialist*innen und Antideutschen. Letztere traten nun mit einer militanten Israelsolidarität auf und Stimmen wurden laut, dass sich die nicht-antideutsche Linke einem Schulterschluss mit Islamisten unterzog.

 

Debatte bis heute

 

Die Antideutschen stellen ein Novum innerhalb der neuen radikalen Linken Deutschlands dar. Sie bekunden zum Teil eine bedingungslose Solidarität mit Israel und thematisieren zudem Antisemitismus in verkürzten Kapitalismuskritiken sowie in Debatten zum Nahost-Konflikt.

 

Neben den außerparlamentarischen Oppositionsgruppen der radikalen Linken gab und gibt es auch im etablierten parlamentarischen Flügel der Linken eine Debatte über Probleme des Antisemitismus und Antizionismus. So formierte sich innerhalb der Linksjugend Solid, der parteinahen Jugendorganisation der Partei DIE LINKE, der Bundesarbeitskreis Shalom. Der Arbeitskreis versucht nach eigener Aussage neben vielem anderen die Diskussion über Antisemitismus und Antizionismus in der Linkspartei voranzutreiben.

 

TEXT: Kevin Müller

 

Mit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Ostblockstaaten Ende der 1980er Jahre fiel die deutsche Linke in eine Sinnkrise. Sie stand vor inhaltlichen und strukturellen Problemen und befürchtete, dass im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands ein »Viertes Reich« entstehen könnte.

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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