40 Jahre Diskussionen über Entebbe

40 JAHRE DISKUSSIONEN ÜBER ENTEBBE

Die UN-Debatte

 

Auf politischer Ebene diskutierten die Vereinten Nationen (UN), ob Israel bei der Befreiungsaktion Völkerrecht gebrochen hatte. In dieser Debatte standen die sogenannten afro-arabischen Staaten – mit Unterstützung der sozialistischen Staaten – den westlichen, insbesondere den USA und Großbritannien, gegenüber; beide Seiten brachten einen Resolutionsentwurf ein. Die afroarabischen Länder sahen die Souveränität Ugandas verletzt und forderten Entschädigung für den entstandenen Schaden. Demgegenüber stand die Forderung, die Flugzeugentführung zu verurteilen und die Staatengemeinschaft zu einer gemeinsamen Bekämpfung solcher Akte aufzurufen. Beide Entwürfe erhielten keine Mehrheit und Israel wurde nicht belangt.

 

Über die UN-Debatte berichteten die westdeutschen Zeitungen. Auch die Aufteilung der Geiseln wurde diskutiert. Es bestand allerdings keine Einigkeit darüber, ob es sich um eine antisemitische Selektion gehandelt habe. In den Printmedien der in Deutschland lebenden Jüd*innen hingegen wurde die Aufteilung als antisemitisch wahrgenommen. Das Handeln Israels sah man als zur Verteidigung Israels notwendige Wehrhaftigkeit und nicht als Völkerrechtsverstoß. Im klaren Gegensatz dazu standen die Meldungen in linken Zeitungen in der BRD. Die israelische Befreiungsaktion wurde scharf kritisiert und mit dem nationalsozialistischen Deutschland verglichen. Gleichzeitig sparte man die Frage nach der Aufteilung der Geiseln gänzlich aus.

 

Im Spielfilm

 

Nicht nur die Printmedien reflektierten die Ereignisse. 1976 und 1977 entstanden drei Spielfilme über die Entführung und Befreiung von Entebbe. Parallelen zu den Selektionen an der Rampe von Auschwitz wurden immer wieder gezogen. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass die Idee einer antisemitischen Selektion von den Entführer*innen abgelehnt wurde. Anfang des Jahres 1977 lief »Unternehmen Entebbe« in den deutschen Kinos. Drei Mitglieder der Revolutionären Zellen (RZ), unter ihnen Gerhard Albartus, verübten zwei Brandanschläge auf Kinos und forderten die Absetzung des Films. Die Anschläge misslangen zwar, doch rief die Polizei in der Folge die Kinos zur Absetzung des Filmes auf, da es noch weitere Zwischenfälle durch Buh-Rufe, Stinkbomben und Flugblattverteilungen gegeben hatte.

 

Die Diskussion in der politischen Linken

 

Erst 1991 veröffentlichten Teile der RZ einen Text, in dem sie sich unter dem Titel »Gerd Albartus ist tot« auch mit ihrer Position zu Israel und Palästina und somit mit dem Antizionismus- und Antisemitismus-Vorwurf auseinandersetzten.

»Das Kommando hatte Geiseln genommen, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, daß sie Juden waren, soziale Merkmale wie Herkunft oder Funktion, die Frage der gesellschaftlichen Stellung oder der persönlichen Verantwortung, also Kriterien, die wir eigentlich unserer Praxis zugrunde legten, spielten in diesem Fall keine Rolle. Die Selektion erfolgte entlang völkischer Linien.«

 

Damit wurde der Antisemitismusvorwurf gegen Kuhlmann und Böse formuliert, die in den 1970er Jahren gegen den in ihren Augen weiterhin bestehenden deutschen und internationalen Faschismus in den Kampf gezogen waren. Teile der RZ verstanden nun selbst die Aufteilung der Gefangenen als antisemitische Selektion. Darüber hinaus sei der Antizionismus-Begriff, den die RZ in den 1970er Jahren vertreten haben, auch von großen Teilen der deutschen Linken insgesamt vertreten worden.

 

Kritik an den RZ wurde aber auch von anderen geübt, vor allem von Aussteiger*innen aus den RZ selbst oder der militanten linken Szene im Allgemeinen. 1977 wandte sich Hans-Joachim Klein über das Magazin Der Spiegel an die Öffentlichkeit. Klein war 1975 an dem Anschlag auf die Wiener Opec-Konferenz beteiligt gewesen und begründete seinen Ausstieg unter anderem mit den Ereignissen in Entebbe. Im Interview mit dem Spiegel sagte er:

»Ich sollte bei Entebbe mitmachen. Aber da kam mir meine Schußwunde sehr gelegen. Ich hab‘ mich in ein Hospital abgesetzt.«

 

Klein verstand die Geiseltrennung als antisemitische Selektion und auch andere prominente Linke wie Henryk M. Broder erhoben schwere Antisemitismusvorwürfe an die deutsche Linke. Eine breite und intensive Debatte in der deutschen Linken über die Vorwürfe Kleins entstand insbesondere seit dem Beginn der 1980er Jahre, in denen die Ereignisse von Entebbe immer wieder eine Rolle spielten. Noch Anfang des neuen Jahrtausends kam die Partei DIE GRÜNEN innerhalb der öffentlichen Debatte über die Gewaltbereitschaft führender Politiker der Partei auf die Ereignisse von Entebbe zu sprechen. Sowohl Joschka Fischer als auch Daniel Cohn-Bendit interpretierten die Geiseltrennung nun als antisemitische Selektion und als Schlüsselereignis ihrer eigenen Biographie, das sie beide auf den parlamentarischen Weg brachte.

 

TEXT: Anna Ewald, Juliette Heinikel, Friederike Odenwald

 

Schon während der Ereignisse entstand eine Diskussion über die Aufteilung der Gefangenen in Entebbe und deren Bedeutung, die bis heute andauert. Dabei steht die Frage, ob die Geiseltrennung als antisemitische Tat zu verstehen ist im Mittelpunkt.

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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