Deutsch-Israelisches Verhältnis

VOM FREUND ZUM FEIND

DER WANDEL DES ISRAEL-VERHÄLTNISSES DER NEUEN LINKEN

Von der Solidarität zu Israel zur Solidarität mit den Palästinenser*innen

 

Widersprüchlicher könnten Meinhofs Israelbilder nicht sein. Erst bekundet sie Israelsolidarität, später erhebt sie den Vorwurf, Israel sei selbst für die Geiselnahme verantwortlich. Der Wandel traf nicht nur auf Meinhof zu. Nahezu die gesamte Linke in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) wandte sich von Israel ab und solidarisierte sich mit dem palästinensischen Volk. Was war geschehen?

 

Die Entwicklung

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeichnete sich das Gros der Neuen Linken, so auch der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), durch eine proisraelische Haltung aus. Die Neue Linke galt als Vorreiterin der Politik der Aussöhnung und prangerte das kollektive Schweigen der deutschen Nachkriegsgesellschaft an.

 

Diese Haltung änderte sich kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, in welchem der israelische Staat mit einem militärischen Präventivschlag auf die Eskalationsstrategie seiner Nachbarstaaten reagierte. Unter anderem trug auch der SDS zum Stimmungswandel bei. So bilanzierte er in einer Resolution zum Thema Nahostkonflikt im Herbst 1967:

»Zionistische Kolonisierung Palästinas hieß und heißt bis heute: Vertreibung und Unterdrückung der dort lebenden eingeborenen arabischen Bevölkerung durch eine privilegierte Siedlerschicht.«

 

Es sind Denkmuster, die in den nachfolgenden Jahren häufiger auftauchen sollten: Die Gleichsetzung von Zionismus und Kolonialismus und eine klare Opfer- und Täterzuschreibung.

 

Gründe für die Entwicklung

 

Die um die Ereignisse des Sechs-Tage-Krieges beginnende Transformation des Israelbildes hat aber noch weitere Gründe fernab der Identifizierung Israels als Vorbote des Imperialismus im Nahen Osten. Nach dem Sechs-Tage-Krieg zeigten sich vor allem bürgerlich-konservative Kreise solidarisch mit Israel. Allen voran bekundeten die Zeitungen des Springer-Verlags Sympathie und Solidarität für Israel. Die Bild-Zeitung feierte Verteidigungsminister Moshe Dayan etwa als »jüdischen Rommel«, nicht ohne dabei selbst auf das antisemitische Stilmittel der Täter-Opfer-Umkehr zurückzugreifen.

 

Der Neuen Linken fiel es im Zuge der im Juni 1967 aufkommenden Studentenproteste schwer, einen gemeinsamen Freund mit der verhassten »Springer-Presse« zu haben. Auch deswegen wurde der einst als fortschrittlich-sozialistisch gesehene Staat Israel immer mehr zum kleinen Bruder der USA, zum Brückenkopf des US-Imperialismus wahrgenommen. Hinzu kam, dass die Linke nun einen Faschismusbegriff propagierte, der den Holocaust und Antisemitismus ausklammerte. So schwand das Bedürfnis nach »Wiedergutmachung« für das zuvor noch als Staat der Holocaustüberlebenden wahrgenommene Israel.

Auch die Struktur der Linken wandelte sich ab 1967. War die Bewegung zuvor noch meist geschlossen und friedlich gewesen, änderte sich dies mit der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Berliner Polizisten. Die Linke zerfiel in immer kleinere und zum Teil gewaltbereitere Gruppierungen, deren Antizionismus und Antisemitismus immer offensichtlicher wurde.

 

1969 wurden in der BRD unter anderem Brandanschläge auf jüdische Bars ausgeübt und Vorträge israelischer Wissenschaftler*innen aufgrund massiver Störungen seitens linker Student*innen abgebrochen. Den Gipfel linker Gewalt bildete im gleichen Jahr ein misslungenes Bombenattentat der linksradikalen Untergrundorganisation Tupamaros West-Berlin auf eine Gedenkfeier jüdischer NS-Opfer am 9. November, dem 31. Jahrestag des November-Pogroms. Die offene Ablehnung der Neuen Linken gegenüber Israel stieg an. Einzelne linksradikale Gruppierungen vernetzten sich mit palästinensischen Terrororganisationen und Aktionen wie die Ermordung und Entführung der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München wurden unterstützt.

 

TEXT: Lena Senoner und Alena Meza

 

»Es gibt für die europäische Linke keinen Grund, ihre Solidarität mit den Verfolgten aufzugeben, sie reicht in die Gegenwart und schließt den Staat Israel ein […]«, schreibt Ulrike Meinhof, die spätere RAF-Terroristin, 1967 in der Zeitschrift konkret. Fünf Jahre später wird Meinhof anlässlich der Geiselnahme und Ermordung der israelischen Olympiamannschaft durch eine palästinensische Terrororganisation wie folgt Stellung beziehen: »Israel vergießt Krokodiltränen. Es hat seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik.«

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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