Selektion von Entebbe?

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

Übereinstimmend berichteten die Geiseln später, die Entführer*innen hätten begonnen, nach wiederholten Beschwerden über zu wenig Platz für die mehr als 200 Geiseln, einen Durchbruch in den Nebenraum zu schaffen. Diesen hielten sie allerdings mit einer Art Absperrung in Form eines T bewusst niedrig und eng, um ein schnelles Hin- und Her-Bewegen zwischen den zwei Räumen zu verhindern. Im Folgenden trat Wilfried Böse, wie die Geiseln sich übereinstimmend erinnern, vor die Gefangenen und verkündete, dass es eine Aufteilung der Geiseln in beiden Räume geben werde. Dann habe er begonnen, Namen von einer Liste zu verlesen. Nach welchen Kriterien die Aufteilung der Geiseln erfolgte, war für die Betroffenen selbst zu keinem Zeitpunkt einsehbar.

 

Emma Rosenkovitch, die als erste aufgerufen wurde, erinnerte sich später, dass sie sich in dem Moment folgende Frage gestellt habe:

»Where they going to separate men from women? Parents from children? It took half an hour before I understood that all the Israelis would stay together.«

 

Für viele der Holocaust-Überlebenden an Bord der Maschine knüpfte diese Aufteilung von Geiseln durch Deutsche an ein erlebtes und gemeinsames Trauma an, das sich nach dem Ende der Entführung mit Erzählungen vermischte, in denen die Befreiungsaktion durch das israelische Militär als nationale und jüdische Selbstbehauptung gewertet wurde. Auf diese Weise, und durch die häufige Gleichsetzung der Bezeichnungen »Israeli« und »Jude«, entstand schnell ein Narrativ, das von einer Selektion von Jüd*innen und Nicht-Jüd*innen unmittelbar nach der Freilassung der Geiseln ausging und teilweise – insbesondere in Israel – bis heute die Berichte über Entebbe dominiert.

 

Der größte Teil der Geiseln wiederum erkennt in den Erinnerungen an die Ereignisse in der israelischen Nationalität das entscheidende Kriterium für die Trennung. Unabhängig davon fühlte sich ein Teil der Geiseln, wie Emma Rosenkovitch berichtet, an den Aufenthalt in einem Konzentrationslager erinnert. Yitzhak David konfrontierte Wilfried Böse mit der in Auschwitz auf seinem Unterarm eintätowierten Nummer und fügte hinzu

»I was mistaken when I told my children that there is a different Germany. When I see what you and your friends are doing to the women, children, and elderly, I see that nothing has changed in Germany.«

 

Der Eindruck einer antisemitischen Selektion der Geiseln verstärkte sich für einen Teil der Geiseln noch, da auch sechs nicht-israelische orthodoxe Jüd*innen dem Raum der Israelis zugeteilt wurden. Umgekehrt wurde jedoch eine ganze Reihe von jüdischen Geiseln freigelassen, die sich nicht mit ihrer israelischen Staatsbürgerschaft, sondern einer weiteren Staatsbürgerschaft, zumeist der französischen oder der amerikanischen, am Check-In des Flughafens ausgewiesen hatten.

Die oft mit der Aufteilung der Geiseln in Verbindung gebrachte(n) Erzählung(en) der Freilassung ausschließlich nicht-jüdischer oder ausschließlich nicht-israelischer Geiseln ist also kaum zu halten. Als am 30. Juni erstmals 47 Geiseln nach Paris ausgeflogen wurden, waren diese nicht nur mehrheitlich Frauen, Kinder und ältere bzw. kranke Geiseln, sondern auch mehrheitlich jüdisch.

 

Bei der zweiten Auswahl der auszufliegenden Geiseln am 1. Juli scheinen die Kriterien sogar noch weniger klar gewesen zu sein. Zwar wurden auch hier nur Geiseln aus dem nicht-israelischen Raum – wenn auch nicht alle – befreit, jedoch durften weitere Jüd*innen wie Michel Cojot (französische Staatsbürgerschaft), der zuvor als Mittler zwischen Entführer*innen und Geiseln agiert hatte, Entebbe verlassen. Eine eindeutige Bevorzugung nicht-jüdischer oder nicht-israelischer Geiseln ist also auch bei der Freilassung der Geiseln nicht zu erkennen. Die neueren historischen Forschungen stellen somit das dominante Narrativ einer Selektion von jüdischen und nicht-jüdischen Geiseln immer stärker in Frage, auch wenn der größte Teil der zuletzt befreiten Geiseln jüdische Israelis gewesen sind.

 

TEXT: Julia Wirth

Am 29. Juli, dem Tag nach der Landung in Entebbe, fand jenes Ereignis statt, das diese Flugzeugentführung im kollektiven Gedächtnis nicht nur Israels, sondern auch der westdeutschen Linken von anderen Entführungen dieser Art in Zukunft stark unterscheiden sollte. Die einzigen Quellen für den viel diskutierten Ablauf der Geiseltrennung sind die Erinnerungen der Geiseln, die sich im Detail und in der Bewertung der Ereignisse aber immer wieder unterscheiden.

DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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