Ausstellungskonzept

ÜBER DIE AUSSTELLUNG

Über die Austellung

 

Die Ausstellung wirft einen Blick auf die Diskussionen rund um die Ereignisse von Entebbe in der Bundesrepublik Deutschland, die gerade für linke Intellektuelle wie die Frankfurter Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit und die in Deutschland lebenden Juden wie Micha Brumlik von größter Bedeutung war.

Die Ausstellung schaut damit zugleich auf ein vergessen geratenes Stück Frankfurter Stadtgeschichte und den Antisemitismus seit 1976 bis heute. Denn aus der aktiven und starken linken Frankfurter Szene heraus, entwickelte sich ein terroristischer Akt mit größter internationaler Tragweite, der eine ganze Reihe von bisweilen noch heute ungeklärten Fragen über Antisemitismus, Palästinasolidarität und die deutsch-israelischen Beziehungen aufwirft. Genau diese Fragen nach dem Antisemitismus in der heutigen Gesellschaft und nach der engen Verknüpfung deutscher und israelischer Geschichte und ihren Auswirkungen wirft die Ausstellung erneut ausgehend von der Selektion von Entebbe auf und lädt die Frankfurter Öffentlichkeit, aber insbesondere die in Frankfurt lebenden Juden und die Frankfurter Linken, dazu ein, gemeinsam über die Fragen zu diskutieren.

 

Vermittlungsziele der Ausstellung

 

Die Ausstellung möchte

  • die Entstehung und die Entwicklung des Selektionsnarrativs in der Erinnerungskultur an die Ereignisse von Entebbe von 1976 bis heute in der Bundesrepublik in den Blick nehmen,
  • ausgehend vom historischen Ereignis der Selektion von Entebbe, die Entstehung von neuen Formen des Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland und die Diskussionen über diese Neuentwicklung beleuchten,
  • ein größeres Bewusstsein für potentiell antisemitische Strömungen in unserer Gesellschaft schaffen und
  • einen Dialog über den aus dem Palästinenserkonflikt entspringenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft anregen.

 

Inhaltlicher Ansatz

 

Die Ausstellung erzählt ausgehend von den Aussagen der Zeitzeug*innen der Selektion von Entebbe die Entstehung und Entwicklung der antisemitischen Deutungsweise der Gefangenenaufteilung. Sie stellt die Opfer und ihre Erinnerungen in den Mittelpunkt, wobei viele Fragen zum Ereignis selbst im Unklaren bleiben. Letztlich geben nur die sich zum Teil stark unterscheidenden Aussagen der Geiseln selbst ein authentisches Bild der Aufteilung, doch wurden diese Widersprüche ohnehin von den einen wie den anderen für die eigene Perspektive instrumentalisiert.

 

Die Ausstellung schildert die Diskussionen über den antisemitischen Hintergrund der Gefangenenaufteilung, die in Deutschland vor allem unter den in der Bundesrepublik lebenden Juden wie auch in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde und auch in den unzähligen Gruppierungen des linkspolitischen Spektrums intensiv geführt wurde. Die Intensität dieser Erinnerungs- und Deutungsdiskurse stand nach dem Abflauen der aktuellen Berichterstattung in starken Kontrast zum offensichtlichen Desinteresse der deutschen Öffentlichkeit und deren Deutung der Ereignisse von Entebbe als Akt auswärtiger Politik.

Die Ausstellung zeigt auf, wie sehr sich die verschiedenen Positionen zu den Ereignissen von Entebbe in der deutschen Öffentlichkeit, bei den politisch linken Gruppierungen und unter den in Deutschland lebenden Juden teils bis heute unterscheiden. Dabei geht es auch immer um den jeweils gegenwärtigen Antisemitismus in der Gesellschaft.

 

Als Ergebnis des Diskurses setzte sich das Selektionsnarrativ durch, das durch die Bezeichnung der Gefangenenaufteilung als Selektion deutlich macht, dass jene ein antisemitischer Akt gewesen war. Die Ausstellung geht der These nach, dass dieses Narrativ in Israel entstand und auf zweierlei Art und Weise Rezeption in der Bundesrepublik fand. Einmal durch die in Deutschland lebenden Juden, für die die Ereignisse von Entebbe von besonderer, symbolischer Bedeutung waren, und wiederum durch die drei Spielfilme, die kurz nach den Ereignisse über die Entführung von Entebbe entstanden. Von israelischer wie auch US-amerikanischer Seite wurde in Victory at Entebbe (1976), Raid on Entebbe (1977) und Operation Thunderbolt (1977) das Selektionsnarrativ in eindrückliche Bilder gefasst.

 

Mit der Perpetuierung des Selektionsnarrativs war auch immer der Vorwurf des Antisemitismus gegenüber politisch linken Gruppierungen verbunden und mit diesem setzten sich jene auch intensiv auseinander, wie die Ausstellung ebenfalls herausarbeitet. Für viele linke Intellektuelle und eine ganze Reihe von in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Juden waren diese Diskurse über die vermeintliche Selektion von Entebbe von größter Bedeutung für ihr eigenes politisches wie gesellschaftliches Selbstverständnis, wie die Ausstellung in zahlreichen Interviews unterstreicht. Für die wohl berühmtesten Frankfurter Linken Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit war die Selektion von derart großer Bedeutung, dass sie sich durch die Auseinandersetzung mit der Selektion nach eigenem Bekunden aus der radikalen, gewaltbereiten Linken endgültig verabschiedeten. Aber auch für bedeutende Persönlichkeiten des jüdischen Lebens in Frankfurt wie Micha Brumlik warfen die Ereignisse in Entebbe ein neues Licht auf den Antisemitismus in der Bundesrepublik und tun dies auch heute noch im vereinten Deutschland.

 

Die Ausstellung macht diese intensiven und langjährigen Diskussionen um die Ereignisse von Entebbe ausgehend von den Erinnerungen der Geiseln räumlich erfahrbar. Der Ausstellungsraum wird selbst zum Teil des Diskurses, in dem die verschiedenen Positionen ins Gespräch miteinander gebracht werden. Eine räumliche Diskussion entsteht, die die Besucher*innen einlädt, sich an dieser zu beteiligen und seine eigenen Überzeugungen zur Selektion und dem Antisemitismus in der Bundesrepublik und der Gegenwart einzubringen.

 

Didaktischer Ansatz

 

Universitären Lehrveranstaltungen wird bisweilen fehlende Praxisnähe für das spätere Berufsfeld und geringe gesellschaftliche Relevanz vorgeworfen. Im Zuge der Third Mission und des Service Learning als zentrale Aspekte des Selbstverständnisses der Goethe-Universität haben die beiden Lehrenden Dr. Torben Giese und Dr. Markus Häfner in zwei Lehrveranstaltungen mit Studierenden das Konzept für die studentische Ausstellung „Die Selektion von Entebbe?“ entwickelt und die Studierenden praxisnah angeleitet, wie in solches Projekt mit außeruniversitären Partnern umgesetzt wird.

 

Sommersemester 2015

 

Im Sommersemester 2015 entwarfen 12 Studierende am Historischen Seminar der Goethe-Universität Frankfurt am Main jeweils eigene Erinnerungsperspektiven in medialer Form an die Opfer des linken Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. „Wir wollten neue und ausgesprochen junge Erinnerungsperspektiven entwickeln und waren von der Vielfalt der spannenden und zielführenden Ansätze überrascht“ fassen Giese und Häfner den Ansatz und das Ergebnis der Blockübung im Juni 2015 zusammen.

 

Das Konzept des aus Frankfurt stammenden Studierenden Kevin Müller, in einer Ausstellung die Opfer der Entführung von Entebbe des Jahres 1976 in den Mittelpunkt zu stellen, überzeugte und begeisterte alle Teilnehmer der Blockübung.

 

Wintersemester 2015/16

 

Für die Umsetzung verfassten in einem ersten Schritt 14 Studierende im Rahmen einer Übung im Wintersemester 2015/16 die Texte für die geplante Ausstellung. Die Studierenden ehrenamtlich engagieren sich über das Seminarende hinaus, um mit den Mitarbeiter*innen der Bildungsstätte Anne Frank, den Grafikern des Instituts für Gebrauchsgrafik und den Kooperationspartnern für das Rahmenprogramm (Evangelische Akademie Frankfurt, Rose-Luxemburg-Stiftung) das Projekt zu verwirklichen.

 

„Es ist unglaublich lehrreich zu erleben, wie ein Ausstellungsprojekt in der Praxis verwirklicht wird und wie viele komplexe Arbeitsschritte zu leisten sind, bis der Besucher den Raum betreten kann.“ fasst Robert Wolff seine Erfahrungen zusammen, der sich um die Vernetzung mit lokalen Institutionen und Marketingmaßnahmen kümmert.

 

DAUER UND ORT DER AUSSTELLUNG

21. September bis 21. Dezember 2016

Bildungsstätte Anne Frank

Hansaalle 150

60320 Frankfurt am Main

 

KURATOR*INNEN

Die Ausstellung wurde von acht Studierenden an der Goethe-Universität Frankfurt am Main kuratiert. Projektleiter Dr. Torben Giese und Dr. Markus Häfner.

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DIE SELEKTION VON ENTEBBE?

 

Ein studentisches Ausstellungsprojekt -

Die Ausstellung war zwischen dem

21. September bis zum 21. Dezember 2016

in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt)

zu sehen.

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